Die Geschichte der Gotthardbahn

Der Bau des grossen Tunnels

Der Beginn des Baues

Am 13. September nahm Favres Gesellschaft in Airolo mit etwa 50 Arbeitern auf dem Bauplatz die Arbeit auf.
Sie begann sofort mit dem Vortrieb eines Firststollens. Bereits bei 23 Metern bereitete ein grosser Wassereinbruch ernsthafte Probleme .

In Göschenen begann am 9. Oktober die Tunnelbau-Gesellschaft die Arbeit auf dem Bauplatz ebenfalls mit etwa 50 Arbeitern.
Als Erstes wurde der Voreinschnitt vertieft und seitlich erweitert. Auf der linken Seite wurde er zudem stärker abgeflacht.

Stolleneingang in Airolo

Der Stolleneingang in Airolo im Sommer 1872.
Unten arbeiten die Gebr. Delucchi, oben
haben Favres Arbeiter mit dem Firststollen
begonnen.

Die Situation auf den Bauplätzen in Göschenen und vor allem in Airolo muss äusserst verworren gewesen sein.
Auf beiden Bauplätzen arbeiteten während Wochen zwei Baugesellschaften gleichzeitig. In Airolo bohrten sogar beide gleichzeitig an einem First- und einem Sohlenstollen.

Am 24. Oktober wurde der Bau des grossen Tunnels endlich durch die Gesellschaft Favres offiziell in Angriff genommen. Am selben Tag wurde der Vortrieb des Sohlenstollens in Göschenen eingestellt und der Richtstollen als Firststollen angebohrt.

Sowohl in Göschenen, wie auch in Airolo, wurde im September 1872 mit dem Bau der Werkanlagen begonnen. Die Bauten umfassten Maschinenhäuser und Reparaturwerkstätten.
Die Arbeiten begannen auf beiden Seiten des Berges im Handvortrieb.
Der Einsatz der druckluftbetriebenen Schlagbohrmaschinen war erst nach 1873 möglich, da die entsprechenden Anlagen zuerst erstellt und die Maschinen nach Göschenen und Airolo verbracht werden mussten.
Bei Handbohrung betrug der tägliche Fortschritt im Mittel 64 - 75 cm, später mit Maschinenbohrung 3 - 4 m.
Als Sprengmittel benutzte man in der Anfangsphase noch Schwarzpulver, ab dem Herbst 1872 bediente man sich des neu erfundenen Dynamits.
Für die Sprengungen wurden bis zu 300 kg Dynamit pro Tag eingesetzt.

Werkplatz Airolo

Werkplatz Airolo

Die Maschinen-Bohrung

Da der italienische Staat seine Subvention teilweise (2 Mio. Franken) in Form von Material bezahlte, das vom Bau des Mt. Cenistunnels stammte, musste die Unternehmung Favre auch die entsprechenden Bohrmaschinen übernehmen.
Diese Maschinen des Typs Sommeiller erwiesen sich für die Arbeit im Richtstollen von Göschenen als zu schwach. Sie hatten sich zwar im weichen Gestein des Mt. Cenis durchaus bewährt, im harten Gotthardgranit aber erlitten sie ständig Defekte.
Die entsprechenden Listen des Maschinenmeisters zeigen Ausfälle bis zu 90%. Unverzüglich bestellte die Baugesellschaft im belgischen Seraign bei Dubois & François stärkere Maschinen.
Diese erhielten nun vorerst im Richtstollen in Göschenen den Vorzug.

Bohrmaschinengestell

Maschinenmeister Ferroux mit dem von ihm entwickelten Bohrgestell und Bohrmaschinen

Auf Grund der Erfahrungen mit den verschiedensten Bohrmaschinen konstruierte Maschinenmeister Ferroux in Göschenen eigene Typen, die ab 1875 auf der Nordseite im Richtstollen zum Einsatz kamen.
Die stärkste eingesetzte Bohrmaschine des Typs "Ferroux" produzierte pro Minute 450 Schläge auf den Bohrmeissel.
Dies führte bei hartem Gneis zu einer Lochtiefe von 6 cm pro Minute.

Auf der Südseite gelangten im Richtstollen anfänglich ebenfalls Maschinen von Dubois & François zum Einsatz.
Ab 1876 wurden dann Maschinen des Typs Mc Kean eingesetzt.
Im Verlaufe der Zeit wurde dieser Typ vom Maschinenmeister Seguin in Airolo umgebaut.

Der Materialaufwand bei der Maschinenbohrung war enorm.
Im März 1878 weist der Maschinenmeister der Nordseite einen Verschleiss von 8151 Bohrern aus, das entspricht 679 Bohrer für 10 Meter Vortrieb.
Auf der Südseite beträgt im April 1878 der Verschleiss a 5546 Bohrer, was 408 Bohrern pro 10 Metern Vortrieb entspricht.

Plan Bohrmaschine Typ Mc Kean

Plan Bohrmaschine Typ Mac Kean

Für den Antrieb der Bohrmaschinen benützte man komprimierte Luft.
Zum Antrieb der von Prof. Colladon geplanten Luftkompressoren wurde in Göschenen das Wasser der Reuss und in Airolo dasjenige der Tremola gefasst und in Druckleitungen zu den Maschinenhäusern geführt.
Nachdem die entsprechenden Gebäude erstellt und die Maschinen nach Göschenen und Airolo verbracht worden waren, war der Einsatz der druckluftbetriebenen Schlagbohrmaschinen in Göschenen ab dem 4. April 1873 und in Airolo ab dem 1. Juli 1873 möglich. Nebst dem Antrieb der Bohrmaschinen, benützte man diese komprimierte Luft auch zum Antrieb der Druckluftlokomotiven und der Pumpen.
Mittels Guss- und Schmiedeisernen Rohren wurde die Druckluft in den Tunnel geführt.

Der Bauunternehmung Favre gelang es bis zur Fertigstellung des Tunnels nicht, das Problem zu lösen, immer genügend Druckluft zu erzeugen.
Vor allem auf der Südseite fehlte oft über längere Zeit das zum Antrieb der Kompressoren benötigte Wasser, so dass nur mit Handbohrung gearbeitet werden konnte.

Dies führte dann auch - neben den Problemen mit mürbem Gestein, grossem Wasserandrang und hohen Temperaturen (32,9°) - zu grossen Rückständen im Vortrieb, so dass der Tunnel mit einem Jahr Verspätung erst 1881 fertig gestellt wurde.

Werkplatz Airolo

Voreinschnitt und Werkstätten in Airolo,
im Hintergrund das Dorf Airolo

Nicht unschuldig an diesem Rückstand war aber auch die fehlerhafte und ungenügende Arbeitsorganisation auf den Bauplätzen. 
Zwischen Louis Favre und der Baudirektion kam es deshalb, aber auch aus finanziellen Gründen, mehrmals zu schwerwiegenden Auseinandersetzungen, die von Bundesrat oder Bundesgericht entschieden werden mussten.
Die zahlreichen Schwierigkeiten, die Favre niemals alle hatte voraussehen können, verunmöglichten es ihm, die Baufrist von 8 Jahren einzuhalten. Auch der Kostenvoranschlag wurde stark überschritten. (Baukostenabrechnung 66 Mio. Franken)